Theaterwoche 2017

„Bühne frei für eine Entdeckungsreise!

Kommst du mit?!“

Vom 3. - 7. Juli 2017 nahmen wieder 13 Mädchen und Jungen aus dem Quartier Roderbruch und Umgebung an unserer jährlichen ́Hallo Einstein - Aktion ́ der Sprachferienwoche teil. Wie im letzten Jahr wählten wir das Medium Theater, um mit den Kindern Sprache zu erleben, sie zu nutzen und damit vieles ganz spielerisch auszuprobieren.

 

Jeden Morgen um 9.00 Uhr trudelten die Kinder ein, manche warteten sogar schon früher auf uns, weil sie es kaum erwarten konnten, dass es endlich losging.

Bis alle Kinder angekommen waren, durften sie ihre Tagebücher verschönern.

Im Laufe der Woche bekamen sie immer mehr Fotos, von sich und ihren Erlebnissen auf der Bühne und im Spiel. Manche Kinder waren sehr selbstständig darin, andere brauchten die Unterstützung der Mitarbeiter unseres Teams, das aus 5 Personen bestand. Angela Körner, Lukas Lissek, Leona Schrader, Karsten und Rahel Stank. Die Kinder konnten in den Bildern ihre Begegnungen des Vortages wiedersehen, dafür Worte finden, diese aufschreiben und gemeinsam mit den anderen Kindern nochmal darüber sprechen, wie sie sich dabei gefühlt haben, was ihnen Spaß gemacht hat und worauf sie sich am neuen Tag freuten.

Ein fester Tagesablauf sorgte für Struktur und Sicherheit und so begannen wir jeden Tag mit einem gemeinsamen Morgenkreis.

Jeder wurde gesehen, begrüßt und durfte erzählen, wie es ihm/ihr geht und woran sie sich noch am Besten erinnerten. Wir sangen Lieder und spielten Spiele, dabei lernten die Kinder neue Texte, deren Inhalt ihnen Mut machte, sich auszuprobieren und sich auch gegenseitig anzufeuern. „Hast du schon entdeckt, was alles in dir steckt? Das sieht man manchmal nicht, oft fehlt uns eine neue Sicht“, hieß es im Refrain.

Unser Anliegen bestand darin, Kinder zu stärken in ihrer Resilienz , ihrer Widerstandskraft . Dazu haben wir jedem Tag ein Thema zugeor dnet und angefangen haben wir mit : „Das bin ich und darauf bin ich stolz!“ Gerade am Anfang geht es natürlich auch um das gegenseitige Kennenlernen, doch auch darin wollten wir ihnen schon die Gelegenheit geben, Qualitäten an sich zu entdecken, die sie mit anderen Kindern gemeinsam haben und teilen können und dass auch Dinge wie: Ich bin stolz darauf,

  • gut verlorene Dinge wiederzufinden,
  • andere zum Lachen zu bringen,
  • bei Entscheidungen aufs Bauchgefühl achten können,
  • gut verhandeln und andere überzeugen können,
  • gut trösten können usw.

Natürlich ist Natalie* auch stolz auf ihre außerordentliche Zeichenkunst, Raoan auf sein Fußballtalent und Joana auf ihre schnelle Auffassungsgabe beim Tanzen. Aber gerade bei Kindern, die ihre eigenen Fähigkeiten nicht so ausprägen konnten, weil ihnen die Förderung oder die Möglichkeiten fehlten, oder weil sie eine körperliche Behinderung haben, ist es umso wichtiger auch die vielen anderen Fähigkeiten bewusst zu machen.

Jeder Tag beinhaltete auch eine weite Reise, in einem festen Ritual setzten wir uns alle auf den „fliegenden Teppich“ schlossen die Augen, zählten von 10 rückwärts und wachten an einem anderen Ort wieder auf, zum Beispiel in Sao Paulo, Brasilien.

Denn von dort schauten wir uns ein kurzes Video an von einem Jungen in den Slums oder von einem Mädchen aus Laos, Südostasien. Was die Kinder dort erlebten, berührte auch die Kinder in den Spielarkaden. Sie saßen wie gebannt vor der Leinwand und sahen zu, wie Kinder stolz auf ihre Fähigkeiten sind, die vorher ihnen niemand zugetraut hätte, bis sie sie allen zeigten, wie Kinder ihre Angst über wanden, (Thema des 2. Tages: „Als ich meine Angst überwand!“), oder wie sie in ihrem Umfeld schafften ein Problem zu lösen (Thema das 4. Tages: „Probleme kann ich lösen!“). Und so weckten wir ihre Freude und ihren Mut etwas Neues auszuprobieren und zum Beispiel auf die Bühne zu gehen.

Wie Jordan, der vorher noch nie auf einer Bühne gestanden hatte und sehr aufgeregt war. Er wollte es aber unbedingt und fragte immer wieder die anderen in seiner Kleingruppe, ob sie es ihm zutrauten und holte sich Ermutigung und Bestätigung. Durch die Schattenwand hinter der er spielen konnte, war der direkte Kontakt zu den Zuschauern gemindert und so traute er sich seine Angstgeschichte vor der „Schlimmsten Mathearbeit der Welt!“ auf der Bühne zu zeigen. Seine Mitspieler spielten den „Ermutiger“ und der „Runtermacher“, wie „Engelchen und Teufelchen“ und sprachen in starken Worten zu ihm und machten hinter der Schattenwand ihre Sache sehr eindrucksvoll, so dass auch am Freitag die Zuschauer die gruseligen langen Finger des „Runtermachers“ sehen konnten und ebenso miterlebten, wie die ermutigende innere Stimme von Jordan gewann und es schaffte, seine Denkblockade zu lösen und seine Arbeit zu schreiben.

Das war ein großer Erfolg für Jordan in vielerlei Hinsicht, dann die Strategien, sich selbst Mut zu zusprechen und sich an das Gelernte zu erinnern, wird er hoffentlich bei der nächsten Arbeit in der Schule anwenden können. Und das Erleben von seinen Mitspielern gefeiert zu werden, weil er sich getraut hatte auf der Bühne zu sprechen, war sicherlich für Jordan das einprägsamste Erlebnis der Woche.

Eigene Geschichten zu entwickeln, in der Kamishibai, dem japanischen Erzähltheater die Geschichte zu malen und dann auch vor Publikum zu erzählen, war für viele Kinder eine Herausforderung.

Bis Damjano seine Geschichte erzählte, brauchte er einige Anläufe, denn einerseits wollte er so gerne und andererseits gab es da auch so viele Bedenken, „Was ist, wenn einer lacht?!“ . Doch es tat ihm so gut in der geschützten Atmosphäre der Gruppe genau das einfach mal zu wagen und zu erleben, wie sich alle mitfreuten. So dass er sich noch viel mehr traute und am Ende der Woche eine Szene mitspielte mit einer Kleingruppe, in der er der laute , streitsüchtige Vater sein durfte. Es machte ihm solchen Spaß, mal nicht der kleine Junge zu sein der den Streit der Eltern miterlebte , sondern auf der anderen Seite zu stehen. Er war so aufgeregt und musste so viel lachen dabei, dass er ganz viel Zuspruch benötigte, um seine Rolle so ernsthaft wie möglich auszufüllen und sich vorher und hinterher darüber ausgiebig auslachen konnte.

Die Szene hatte auch für Benjamin nachhaltige Wirkung. Im Rahmen eines Spieles  ́Gefühle kennenlernen - und mit unangenehmen Situationen umgehen lernen ́, wollte Benjamin eine Eltern – Kind – Streit – Szene spielen.

Er wollte der Sohn sein und suchte sich dafür passende Mitspieler aus, Raoan als Mutter, Damjano als Vater und später kam auch noch Rokko als Großvater dazu.

Seine Szene drohte immer wieder zu eskalieren, so wie er es auch zu Hause manchmal erlebt hatte. Die Eltern wurden immer lauter und es fand kein Ende. Also stoppten wir die Szene und fragten ihn, was er denn jetzt am liebsten machen würde, „Welche Fähigkeit hättest du jetzt am Liebsten?!“ Benjamin wusste es sofort, er will den Ton ausmachen – seinen Eltern die Stimmen nehmen. Er improvisierte einen phantasievollen Zauberspruch und schon mussten seine Mitspieler ohne Ton weitergestikulieren. Doch der Streit war nicht zu Ende und es fühlte sich nicht besser an. Also stoppten wir die Szene erneut und überlegten gemeinsam. „Wie geht es dir, wenn die sich streiten?!“ „Es macht mich traurig und dann werde ich auch wütend, weil ich ja nichts dafür kann!“ sagte Benjamin und so bot ich ihm an, auch dies mal auszuprobieren und es seinen Spiel - Eltern zu sagen, wie er sich dabei fühlt. Und schon legte er wortgewandt los und hielt ihnen mit seinen Worten sein Herz hin: „Ihr habt mich doch lieb, wollt ihr, dass es mir dabei so schlecht geht??!“ Und Damjano und Raoan, die ja das Gespräch vorher mitangehört hatten, verstummten nun auch mit ihren Gesten, schauten ihn mit großen Augen an und bestätigten es: „Ja, wir haben dich lieb,... aber deine Mutte r....!“ fing Damjano dann bald schon wieder an, der nun voll in seiner Rolle aufging. Also durfte sich Benjamin noch Unterstützung von außen holen . Rokko als Großvater kam dazu und sorgte als der Kleinste und Jüngste in der Runde für Frieden: „Jetzt ist Ruhe hier! Hört auf vor eurem Sohn zu streiten! Und jetzt lade ich euch zu einem Eis ein!“ Das wirkte. Die Eltern stimmten zu, durften nach einem weiteren Zauberspruch auch wieder ihre Stimmen benutzen und hatten sogar noch eine versöhnlichen Satz auf den Lippen, der alle zum Lachen brachte.

Diese Szene, die die Kinder im Spiel selbst entwickelten, hatte mich sehr beeindruckt und ihnen auch dabei wieder Strategien erlebbar gemacht. Das Schönste war jedoch, dass Benjamin in der Abschlussrunde des Tages sagte: „Ich glaube, das probiere ich auch mal zu Hause aus, das mit dem Zauberspruch, mal sehen wie meine Eltern dann reagieren!“

So könnte ich Ihnen noch viele einzigartige Geschichten erzählen, von Natalie mit ihrer „sprechenden Spinne“, von Casey mit der Angst beim Zahnarzt und ihre Zwillingsschwester Angeltonia. Von Doreen mit ihrer Tanzszene, in der sie von Tag zu Tag mehr Freude zeigen konnte, mehr eigene Ideen einbrachte und zusammen mit den anderen ihre Geschichten über eine Freundschaft, die alles überwand, zeigte. Am Ende der Woche gab es zu der Vorführung der vielen einzelnen Szenen, Lieder und Geschichten auch noch die Ausstellung der Kamishibais, der Stolz - Bügel - Figuren und der persönlichen Tagebücher, die sich alle Besucher und Eltern anschauen konnten. Die Kinder waren nicht nur stolz auf das Gezeigte und Gebastelte, sondern auch auf einander und ihre gemeinsam durchlebten Geschichten. Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihre Unterstützung und Ihr Interesse.

* Alle Namen wurden zum Schutz der Kinder verändert.

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